Masterplan Wasserkraft: Wasserkraftpotential in Österreich

Im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Arbeit und des VEÖ (Verband der Elektrizitätsunternehmen Österreichs) wurde ein sog. Masterplan Wasserkraft ausgearbeitet und im Mai 2008 der Öffentlichkeit präsentiert. Die dem Masterplan Wasserkraft zugrunde liegende Studie geht von einem bereits ausgebautem Potential der Wasserkraft in Österreich in der Höhe von 38 TWh (= 38 000 Millionen kWh) aus.

Das unter heutigen wirtschaftlichen und technischen Rahmenbedingungen erschließbare ‚Restpotential‘ aller bislang unverbauten österreichischen Gewässer wird mit 18 TWh angegeben. Von Seiten der Auftraggeber des Masterplans Wasserkraft wird der Verzicht auf den Ausbau der Wasserkraft in Nationalparks und in Unesco-Weltkulturerbegebieten als Zugeständnis an den Naturschutz und Tourismus dargestellt. Das außerhalb dieser Gebiete liegende Wasserkraftpotential wird mit 13 TWh beziffert. Mit anderen Worten: Bis auf die erwähnten Gebiete soll ganz Österreich für „vogelfrei“ für die Errichtung von Wasserkraftwerken erklärt werden!

Weiters wird noch ein Optimierungspotential bereits bestehender Wasserkraftanlagen in der Höhe von 1,5 TWh angeführt.

In einem „ersten Schritt“ sollen 7 TWh bis 2020 ausgebaut werden, in weiterer Folge soll aber das gesamte Potential von 13 TWh realisiert werden.

 
 Masterplan Wasserkraft: Ausbaupläne in den einzelnen Bundesländern

Das größte Ausbaupotential gemäß Masterplan Wasserkraft liegt in Tirol, wobei es sich hauptsächlich um Speicher- bzw. Pumpspeicherkraftwerke handelt. Auch in der Steiermark und in Salzburg wird noch ein großes Ausbaupotential gesehen; im Fall der Steiermark in der Höhe von zwei Drittel der bereits bestehenden Stromerzeugung aus Wasserkraft. Ein geringes Potential weisen Ober- und Niederösterreich auf, was nicht verwundert, denn das bei weitem energetisch am ertragsreichste Gewässer Österreichs, die Donau, ist bereits ‚voll‘ ausgebaut.

Da der österreichische Inlandsstromverbrauch (inkl. Eigenverbrauch, Netzverluste und Pumpspeicherbedarf) ca. 70 TWh beträgt und die volle Umsetzung des Masterplans Wasserkraft eine zusätzliche Stromproduktion von 13 TWh erbringen soll (der Ausbau soll 2030 abgeschlossen sein), bedeutet der zusätzliche Stromertrag von 13 TWh nicht einmal 20% des derzeitigen Inlandsstromverbrauchs. Da das Stromverbrauchswachstum in den letzten 10 Jahren (1996-2006) pro Jahr durchschnittlich 2,3% betragen hat, hätte alleine das Stromverbrauchswachstum den Totalausbau der österreichischen Gewässer in nicht einmal 10 Jahren ‚aufgefressen‘. Selbst wenn das Stromverbrauchswachstum halbiert werden könnte, würde der Totalausbau nur das Verbrauchswachstum der nächsten ca. 18 Jahre abdecken.

Es stellt sich die Frage, welche Gewässer nach dem Totalausbau gemäß Masterplan Wasserkraft zur Verfügung stehen sollen, um das weitere Stromverbrauchswachstum abzudecken? WAS DANN? Werden wir dann eine zweite Donau oder Mur graben? Werden wir dann, nämlich nach dem Totalausbau unserer Gewässer, ernsthaft mit dem Stromsparen anfangen? Warum erst dann?

Gemäß den Plänen des Masterplans Wasserkraft würden wir fast alle der ökologisch intakten bzw. noch unverbauten Fließgewässerstrecken Österreichs durch eine Verbauung verlieren. Wir gewinnen nichts bzw. nur wenig, verlieren aber viele unserer Naturschönheiten und noch frei fließenden Gewässerabschnitte. Der Wasserkraftausbau verschlimmert letztendlich die „Energie-Probleme“, denn er verzögert die unvermeidlichen Schritte zu einer ernsthaften, konsequenten und umfassenden Stromverbrauchsreduktion um ein paar Jahre.

 
 Ausbaupläne Steiermark: Szenarien

Das im Masterplan Wasserkraft erhobene Ausbaupotential in der Steiermark von 2100 GWh soll vor allem im Bereich Mur und Enns und ihren Seitenbächen sowie durch Kleinwasserkraftwerke erreicht werden. [Die Vertreter der Kleinwasserkraft fordern eine Verdoppelung der Stromproduktion aus mit Steuergeldern (teil-)finanzierten Kleinwasserkraftwerken. Bereits derzeit bestehen ca. 4000 Kleinwasserkraftanlagen in Österreich, davon ca. 1000 in der Steiermark.]

Annahmen:
*Umzusetzender Wasserkraft-Ausbau in der Steiermark von 2100 GWh bis 2030.
*In einem ersten Schritt Ausbau von der Hälfte des Potentials bis 2020.
*Stromproduktion eines durchschnittlichen Mur-Wasserkraftwerks: 75 GWh.
*Stromproduktion eines durchschnittlichen Kleinwasserkraftwerks: 2,5 GWh.

Szenario 1: 50% Großwasserkraft und 50% Kleinwasserkraft
Erforderlich sind 14 neue Mur-Wasserkraftwerke und 400 neue Kleinwasserkraftwerke.
[In einem ersten Schritt bis 2020: 7 neue Mur-Wasserkraftwerke und 200 neue Kleinwasserkraftwerke.]

Szenario 2: 75% Großwasserkraft und 25% Kleinwasserkraft
Erforderlich sind 21 neue Mur-Wasserkraftwerke und 200 neue Kleinwasserkraftwerke.
[In einem ersten Schritt bis 2020: 10 neue Mur-Wasserkraftwerke und 100 neue Kleinwasserkraftwerke.]

Szenario 3: 25% Großwasserkraft und 75% Kleinwasserkraft
Erforderlich sind 7 neue Mur-Wasserkraftwerke und 600 neue Kleinwasserkraftwerke.
[In einem ersten Schritt bis 2020: 4 neue Mur-Wasserkraftwerke und 300 neue Kleinwasserkraftwerke.]

Wird jetzt nicht gehandelt, wird es in den nächsten 10-20 Jahren pro Region in der Steiermark nur mehr eine Handvoll unverbauter Fließgewässerabschnitte geben, die dann als letzte Mohikaner fungieren und den Naturfreund wehmütig daran erinnern, welche wunderbaren Gewässer unsere Heimat einmal hatte. Die Elektrizitäts- und Wasserkraftunternehmen setzen unser Naturerbe bewusst aufs Spiel, denn naturnahe Bäche und Flüsse wachsen nicht nach und sind nicht ‚erneuerbar‘, wie die Bezeichnung Erneuerbare Energien fälschlicherweise suggeriert.